Frank und Iset hatten gar nicht gemerkt, dass die Kleine mit in dem Wagen angekommen war. Sie hatte sich möglichst unauffällig ins Haus verdrückt und staunte jetzt über die exotische Einrichtung des Wohnzimmers. Neugierig fasste sie diese und jenes an. In einer Ecke des Raumes stand ein bronzener Drache, hoch aufgerichtet auf seinen Hinterbeinen und gestützt auf seinen Schwanz, das Maul mit den riesigen Zähnen weit aufgerissen, die Krallenhände nach vorn gestreckt, als wollten sie ihr Gegenüber damit packen.
Iset steckte vorsichtig ihre Hand nach der Kralle aus. Ganz scharf war sie. Als sie seitlich ein wenig dagegen drückte, merkte sie, wie sich die Hand bewegen ließ. Nun drückte sie ein wenig fester. Die Hand kippte zur Seite und gleichzeitig öffnete sich hinter dem Drachen eine verborgene Tür und gab den Eingang zu einer Treppe frei. Iset überlegte nicht lange und ging hinein. Doch kaum war sie hinter der Tür, schwang diese mit einem dumpfen Plopp hinter ihr zu. Leichte Panik kam in Iset auf. Sie versuchte die Tür zu öffnen, aber sie reagierte nicht, es gab auch keinen Hebel oder sonstigen Mechanismus, den man von innen betätigen könnte. Ihr blieb nur der Weg über die Treppe nach unten. Der Treppengang war stockdunkel. Iset verdrängte ihre aufkeimende Panik und versuchte logisch zu denken. Zuerst brauchte sie Licht. Kein Problem, sie hatte den Sternenstein. Schon schimmerte es bläulich von ihrem Hals und das Licht wurde heller. Sie konnte die Stufen ganz gut sehen und ging vorsichtig, Stufe für Stufe abwärts. Nach zehn Stufen knackte es plötzlich. Die Stufen klappten um und aus der Treppe wurde eine schiefe Ebene. Sie verlor den Halt unter den Füßen und fiel. Es gab nichts, wo sie sich dran festhalten konnte, und sie rutschte abwärts. Die Seite der Treppe, die jetzt die Rutschbahn bildete, war offenbar auch noch speziell für diesen Zweck geglättet und mit einer glitschigen Schicht versehen, dass es für sie auch kein Halten mehr gab. Die Rutschpartie ging von der geraden in eine Spirale über und endlich landete sie in einem Sandhaufen in einem dunklen Raum ohne Fenster.
Sie rappelte sich auf und versuchte, sich zu orientieren. Ihr Sternenstein verbreitete ein schwaches bläuliches Licht und sie sah, dass der Raum völlig leer war. Aber da war etwas, das spürte sie. Es war wie Gedanken, traurige Gedanken, Gedanken von Einsamkeit, und Gedanken von Hunger.
Sie formulierte eine Frage in ihrem Geist. Wer ist hier?
Sie war überrascht, sofort eine Antwort zu erhalten: Wer bist du? Ich bin Gorun.
Ich bin Iset, Tochter von Iset
Bist du ein Dämon, Iset, Tochter von Iset? Bist du das blaue Licht da?
Nein, das Licht ist mein Sternenstein. Ich bin ein Mensch.
Was ist ein Mensch?
Vielleicht kann ich es dir erklären, wenn ich weiss, was du bist, Gorun. Kannst du dich beschreiben?
Ich sehe aus wie alle von uns. Vier Beine, Flügel, schuppiger Körper, vorn am Körper ein Hals und ein Kopf, hintendran ein Schwanz.
Das klingt mir fast wie die Beschreibung eines Drachen?
Ja, ich erinnere mich, so werden wir von manchen Völkern genannt.
Kannst du auch Feuer spucken?
mh... das ist ein Missverständnis. Wenn ich viel Gemüse gegessen habe, dann bildet sich in meinem Bauch ein Gas, wenn ich aufstoßen muss, entzündet sich das und es sieht aus wie Feuer spucken. Aber das kann ich nicht steuern.
Ach so. Ich wollte aber immer schon mal wissen, was an den alten Legenden über euch wahr ist. Willst du mein Freund sein?
Was ist ein Freund?
Wenn einer dem anderen hilft, aber nicht aus Eigennutz, sondern eben aus Freundschaft.
Dann will ich gerne dein Freund sein. Ich helfe dir wenn ich kann, und du hilfst mir, wenn du kannst. Das finde ich prima. Du, Iset, Tochter von Iset, könntest etwas für mich tun.
Was denn, Gorun, mein Freund?
Ich bin hier eingesperrt durch Magie. Ich gehöre in eine andere Dimension, der Zauberer hier hat mich dort mit Beschwörungen herausgelockt und dann hier eingesperrt. Nun sitze ich hier fest und habe Hunger. Er hat versucht, mich mit Jungfrauen zu füttern, aber die mag ich nicht. Ich bin Vegetarier und esse nur Pflanzen und Gemüse!
Wie groß bist du denn eigentlich?
Ich bin ein kleiner Drache, dreieinhalb Chrmmpf lang.
Wieviel ist das in Meter?
Was ist ein Meter?
Ein Meter mal tausend ist ein Kilometer. Davon vierzigtausend ist einmal um die Welt
Habe ich richtig verstanden, der Erdumfang ist vier mal zehn hoch sieben Meter?
So kann man es auch ausdrücken
Lass mich mal rechnen: Dann bin ich vierzehn Meter lang.
Und ich bin eineinhalb Meter hoch. Wir Menschen gehen auf zwei Beinen und haben dann die Vorderbeine frei, die nennen wir Arme und die Vorderfüße nenne wir Hände, damit können wir greifen.
Bist du aber klein! Na, ja, Körperlänge ist nicht Größe hat meine Oma schon gesagt. Vielleicht hast du ja andere Qualitäten!
Ja, ich kann einigermaßen gut denken und ich kann etwas Magie. Kannst du auch Magie?
Ja, nur meine Magie wirkt nicht in dieser Dimension, wo ich körperlos bin!
Kennst Du die Zwischenwelt, die wir die Blaue Welt nennen?
Ja, aber ich weiß nicht, wie ich von hier aus dorthin komme!
Ich versuche dorthin zu gehen, vielleicht finde ich einen Weg. Irgendwie helfe ich dir, aber ich bin hier selbst irgendwie reingerutscht und weiß nicht wie ich hier herauskomme!
Iset konzentrierte sich auf ihren Sternenstein und auf ihre Mutter. Mama, ich sitze hier fest!
Die Antwort kam unmittelbar. Iset, wo bist du? Bist du nicht bei Oma?
Nein ich bin im Haus von Sinwe in einen Keller gerutscht, dort sitze ich bei einem körperlosen Drachen von vierzehn Meter Länge, der dort auch gefangen ist und der wieder nach Hause will, und ich finde keinen Ausweg! Ich weiß nur, dass wir ganz viel Magie brauchen, denn der Drache sagte, er sei durch Magie gefangen, deswegen glaube ich, dass dieses Gefängnis hier magisch verstärkt wurde.
Mutter Iset seufzte. Dieses Kind! Die Kleine war immer wieder für jede Art von Überraschung gut.
Ihre Mutter war die beste Magierin hier und überhaupt die beste, die sie kannte. Wenn eine helfen konnte, dann sie. Mit ihr würde sie sich beraten.
Iset, warte, ich werde mit Oma Kontakt aufnehmen!
Dann nahm sie ihren Sternenstein fest zwischen die Finger Mama, tut mir leid, aber ich muss dich nochmal stören!
Und sie berichtete, was die Kleine ihr schon alles mitgeteilt hatte . Iset-senior antwortete: Da muss ich selbst kommen. Wir müssen einen Zauberkreis bilden und den Zauber von Sinwe sprengen. Dann können wir den Drachen in seine Dimension zurück schieben.
Mit wem hast du gesprochen, Iset, Tochter von Iset?
Mit meiner Mutter, sie wird auch ihre Mutter, also meine Oma, mitbringen, und sie wollen dir helfen, in deine Dimension zurückzukommen.
Wenn sie das tun, ohne eigenen Vorteil daraus zu haben, dann sind sie auch meine Freunde, hab ich recht?
Genau. Du bist ja prima in Logik.
Das sind alle Drachen. Gut in Mathematik und gut in Logik.