Während Frank, Iset und Töchterchen Iset sich am roten Meer erholten, saß Oberpriesterin Iset in ihrem Büro und las den Bericht aus dem "Grauen Haus am Fluss", den eine Botin gerade gebracht hatte.
Die Geschäfte liefen ganz gut. Keine der beschäftigten Frauen hatte den Wunsch geäußert, die Tätigkeit aufzugeben, wurden sie doch nicht mehr von Perwas, dem sadistischen Aufseher und Verwalter drangsaliert. Der Wächter, den sie zum Schutz der Frauen und zur Aufrechterhaltung der Ordnung abgestellt hatte, musste nur ein paarmal eingreifen, um alkoholisierte Gäste an Handgreiflichkeiten zu hindern, aber der Wächter Meriapis war ein Schrank von einem Kerl, der beeindruckte schon allein durch sein Aussehen, und wenn der auftauchte, dann fiel der Übermut seines gewaltbereiten Gastes meist schon ganz von selbst zusammen.
Andererseits war er bei den Frauen recht beliebt, und in umsatzschwachen Zeiten verschwand er auch gern selbst mal in einem der "Arbeitszimmer".
Iset hatte eigene Pläne mit dem Haus. Wie sie von der derzeitigen, von ihr eingesetzten Verwalterin erfahren hatte, gab es drei Kundengruppen mit unterschiedlichen Anforderungen.
Die erste waren die ganz jungen. die waren unverheiratet und wollten auf diese Art mal Sex kennenlernen und den Hormonüberschuss abreagieren. Die waren relativ wenig anspruchsvoll und mussten selbst ein wenig an die Hand genommen werden und zum Ziel hingeführt.
Die zweite Gruppe war verheiratet und hatte zuhause Langeweile oder es waren Leute auf Reisen.
Für beide Gruppen gab es eine Statistik: der Liebesakt war normalerweise in sieben Minuten vorbei, mit ein paar Streicheleinheiten vorweg und eventuell einer Dusche (die musste eventuell in einige Zimmer auch noch eingebaut werden, sie würde daran denken) könnte man mit Terminen von einer halben Stunde pro Gast planen.
Die dritte Gruppe war die schwierigste. Das waren die mit "besonderen Vorlieben", wie SM-Liebhaber, Fetischisten usw. Diese Gruppe brachte zwar am meisten Geld, weil für "besondere Dienste" Aufschläge bezahlt wurden, aber sie hielten sich nicht immer an die Spielregeln und da konnte es für die Frauen schon mal gefährlich werden. Der Zeitbedarf war ganz schwer abzuschätzen und dementsprechend differenziert musste die Kalkulation und Abrechnung sein.
Bei der Durchsicht fiel Iset auf, dass gar keine Frauen zu den Kunden gehörten und das fand sie schade. Das würde sie ändern, oder zumindest versuchen.
Ihr schwebte etwas umfassenderes vor: Ein Wellness-Center, wo jede Art von "Wohlfühl-Leistung" angeboten werden sollte. Angefangen bei der einfachen Streichel-Massage bis zur Intim-Massage, Eine Eheberatung mit Partnerschulung in den verschiedenen Sexpraktiken, damit alle Beteiligten sich von Profis zeigen lassen können, wie was am besten gemacht wird und den Partner unter fachkundiger Anleitung kennenzulernen und bis in die intimsten Details zu erforschen, bis hin zum angeschlossenen Swinger-Klub , wo Auswege aus der alltäglichen Langeweile geprobt werden konnten. Die Preise sollten moderat sein und alle Beteiligten sollten ihren Vorteil haben, Gesundheitsvorsorge müsste auch gewährleistet sein.
Diese Pläne würden ohne größere Um- und Ausbaumaßnahmen nicht zu schaffen sein und deswegen wartete sie schon gespannt auf das Ergebnis der Nachforschungen, was den Hauseigentümer betraf, der sich bisher nur im Hintergrund gehalten hatte. Sie vermutete, dass das nicht ohne Grund geschehen war, dass der (oder war es eine Sie?) womöglich etwas zu verbergen hatte. Aber dieser Bericht war noch nicht da. Deswegen konnte sie über die Erträge aus dem Geschäft auch nicht verfügen, sondern es wurde erstmal alles auf eine Art Sperrkonto eingezahlt und dann würde man weitersehen.
Ihre Gedanken schweiften ab zu Minhotep, dem Priester, der die heiligen Pflanzen gestohlen hatte und der auf der Flucht war. Wie war es dem wohl inzwischen ergangen? Ob er wohl noch in der Gegend war? Hierher zurück würde er sich ja wohl unmöglich trauen, aber wenn die Wachen aufgepasst hatten, konnte er auf legalem Weg auch nicht das Land verlassen haben.
"Das Land" war offiziell ihr Eigentum, seit Jahrtausenden geschützt durch Magie und abgetrennt vom übrigen Ägypten, hatte sie es verstanden, es dem Staat als ein Stück Wüste, mit dem niemand etwas anfangen konnte, vorzugaukeln und dann billig das Eigentum daran zu erwerben. Die Nutzungrechte an Grundstücken vergab sie dann an ihre Untertanen, die dann auch Häuser bauen konnten und den Boden bewirtschaften. So konnte sie den politischen Staat draußen halten. Sie hatte die absolute Herrschergewalt hier, aber auch die Verantwortung für ihre Menschen, die hier lebten wie vor tausenden von Jahren. Aber auch im sonstigen Ägypten war die Landwirtschaft der armen Bauern nicht viel weiter, die hölzernen Hakenpflüge wie vor viertausend Jahren waren immer noch im Einsatz und der Esel war das Transportmittel.
Für sie war aber wichtig, dass es allen in ihrem Land gut ging und alles, was an schädlichen Einflüssen von "draußen" stören konnte, nicht hereingelassen wurde. Dafür lebte sie und dafür würden ihre Töchter und Enkeltöchter sorgen. Das war ihre Verpflichtung.
Es hatte sie ganz schön Mühe gekostet, eine Illusion hervorzubringen, mit der Luftbilder verfälscht werden konnte, so dass auf den Satellitenfotos von ihrem Land wirklich nur Wüste zu sehen war. Sie hatte es geschafft, durch gewisse Reflexe etwas von der benachbarten Wüste einzuspiegeln, so dass auch bei Google Earth und dergleichen das wirkliche Land nicht auftauchte, denn sie wollte keine Begehrlichkeiten bei gewissen Leuten aufkommen lassen, die ihr schaden würden, Insbesondere die intoleranten radikalen Muslime fürchtete sie, und der Islam war immerhin Staatsreligion im modernen Ägypten. Die koptischen Christen genossen zwar einen gewissen Schutz, weil der Prophet Mohammed selbst es so angeordnet hatte, aber die alte Religion wurde nicht toleriert.
Sie brauchte aber Schnittstellen, sie konnte es sich nicht leisten, das Land in totaler Isolation zu halten, ausgewählte Leute mussten "draußen" eine Ausbildung bekommen und auch draußen die Interessen des Landes vertreten, und diese Leute waren zwar handverlesen, aber immer noch ein Risikofaktor, um den sie sich Sorgen machte. Bisher war es rund zweitausend Jahre gut gegangen, seit sie mit ihrer Glaubensgemeinschaft in den Untergrund gegangen waren, aber die Illusion konnte jederzeit platzen.
Nebenbei machte sie auch in der Außenwelt gute Geschäfte, und das vermögen, das sie dabei angehäuft hatte, machte sie um ein weiteres Stück unabhängig. Sie hatte "ihre Leute" in den verschiedensten Ländern. Eine Eigenschaft kam ihr dabei zu gute: Wenn ein Mann einmal mit ihr intim zusammen war, war er ihr rettungslos verfallen und sie konnte alles von ihm bekommen. Das hatte sie in der Vergangenheit ausgenutzt, aber nicht überstrapaziert. Dadurch hatte sie Freunde, die sich für sie zerreißen ließen, wenn es nötig war.
Es klopfte an der Tür und eine Botin übergab ihr einen dicken Umschlag. Waren es endlich die erwarteten Auskünfte? Ungeduldig riß sie das Papier mit dem Finger auf und schaute hinein:
Das war es. Grundbuchauskunft, Steuerakte. Grundstücksbesitzer war:
Iset musste tief Luft holen, als sie den Namen las: Sinwe. Beruf: Unternehmer, Heilpraktiker
"Unternehmer", das konnte alles und nichts bedeuten. Sie nahm sich die Steuerakte vor:
Sinwe, Besitz eines Beherbergungsunternehmens am Fluss. Aha, so hatte er das also deklariert. An Einnahmen hatte er allerdings nur einen Betrag versteuert, der ihr angesichts der Einnahmen, die das Graue Haus in den paar Tagen jetzt schon abgeworfen hatte, relativ gering vorkam. Dann hatte er noch ein paar Wohnhäuser, deren Einnahmen auch recht bescheiden waren und Beteiligungen an Außenwelt-Unternehmen, die allerdings auch dort versteuert wurden. Aus seiner Tätigkeit als "Heilpraktiker" wie er seine Magiertätigkeit wohl deklariert hatte, war auch ein wenig angegeben. Das Einkommen war so angegeben, dass man einen recht guten Lebensunterhalt damit bestreiten konnte.
Grund genug, ihm einmal etwas intensiver auf den Zahn zu fühlen, insbesondere, weil sie ja wusste, dass er immerhin einen Ihrer Priester zu Diebstahl geheiligter Pflanzen aus dem Tempeleigentum angestiftet hatte.
Sie selbst würde demnächst bei ihm einen Besuch machen und mal auf den Busch klopfen. Sie überlegte, wie sie es wohl am besten machen sollte. Sie konnte ihn ja auch einfach vorladen und dann müsste er Rede und Antwort stehen. Die Finanzverwaltung jedenfalls hatte keinen Anlass gesehen, mit der Steuerfahndung aufzutauchen, es schien bei ihm alles in Ordnung zu sein.
....Nein, sie würde ihm selbst einfach einen Besuch abstatten und dann würde sie weitersehen.