Es herrschte eine ehrfürchtige Stille. Selbst das Rascheln von Stoff, oder das dezente Hüsteln konnte diesen Eindruck nicht stören. Wie ein Windhauch drang manchmal ein leises Flüstern an sein Ohr. Doch Clemens nahm es kaum wahr. Gewohnt, sonst auch auf das leiseste Geräusch zu reagieren, es zu analysieren und es gegebenenfalls abzustellen, saß er hier doch völlig entspannt. Es herrschte eine ehrfürchtige Stille. Genauso, wie s sich für eine Kirche gehörte.
Clemens war kein sonderlich christlicher Mensch, Wohl glaubte er an eine höhere, gütige Macht, doch Gottes Bodenpersonal, trieb ihn zur Verzweiflung, egal welcher Konfession, welchen Glaubens. Er hasste diese bornierte Engstirnigkeit, die teilweise Verschwendungssucht und den pompösen Aufwand. Was er mochte, waren Kirchen. Man sah es ihm nicht an, aber sooft er Zeit fand, ging er in eine Kirche, setzte sich still in eine Bank und versuchte eins zu werden mit diesem Raum. Er genoss die sich ihm bietende Stille. Er konnte spüren, wie nach einiger Zeit sein Atem langsamer wurde. Bewusst entließ er seine Gedanken aus seiner Kontrolle, ließ sie machen was sie wollten. Und doch kamen sie immer wieder zu ihm zurück, verfestigten sich, verdichteten sich und waren plötzlich weg. Dann kehre Friede in ihn ein. Friede, er ihm Kraft gab, sein hektisches Leben zu meistern.
Von diesem Punkt war er im Moment ziemlich weit entfernt. Dazu war es, trotz der Stille, einfach zu laut. Vor allen Dingen in seinem Kopf. Dennoch überließ er sich der geistigen Übung, die er sich angewöhnt hatte. Seine Gedanken wanderten über Berg und Tal.
Er mochte diese Kirche. Ein Zweckbau aus den späten Siebzigern. Kantig, geometrisch. Von außen machte sie nichts her. Waschbeton sah eben nach einigen Zeiten nichts mehr gleich. Das Innere war eine Überraschung. Klare, strenge Linien. Keine Schnörkel, wie im Barock und keine Spitzbögen, wie in der Gotik. Einfache helle, freundliche Wände. Gerade verlaufend, immer wieder überraschende Winkel bildend. Eine hohe Decke, von den im Raum verteilten Säulen gestützt. Ziemlich hoch oben verlief, als einziges Farbgebendes Element, rundum eine Art Fries aus dunkelroten Glasscheiben. Hier konnte die Sonne eindringen und dem Raum einen warmen, Ton geben. Die Kirchenbänke waren aus hellem Eschenholz, der Altar nüchtern und schmucklos, bis auf ein gesticktes Altartuch. Nüchtern, streng geometrisch, aber von unheimlicher Strahlkraft.
Clemens hatte die Augen geschlossen und versuchte in eine Art Komplentation zu kommen. In dieser Kirche war er schon ein paar Mal gewesen. Vor zwanzig, zweiundzwanzig Jahren. Da vorne, wo jetzt die roten Hocker standen, hatte er gewartet, gewartet, bis sie endlich neben ihm stand. Süß, mit einem strahlenden Lächeln. Das Diadem in den Haaren, den kurzen Schleier und das schöne Brautkleid. Seine Kathrin. Sein Herz hatte geklopft. Es war eine schöne Trauung gewesen. Etwas mehr als ein Jahr später, die gleiche Kirche, die ganze Familie in der ersten Reihe. Im Steckkissen ein süßes kleines Mädchen mit großen blauen Augen, das auf den Namen Nadja getauft wurde.
Und wieder vier Jahre später. Menschen in schwarzen Kleidern. Er in der ersten Reihe mit sturem Blick, immer noch nicht verstehend, dass Kathrin nicht mehr da war. Das kleine Mädchen neben ihm verstand es auch noch nicht. Hände hatten nach seiner Hand gegriffen, hatten sie gedrückt. Nur langsam war er aus der Verzweiflung wieder heraus gekommen. Das Leben musst weiter gehen. Er musste sich um Nadja kümmern.
Und heute war er wieder hier. Nadja saß mit ihrem Freund drei, vier Bänke vor ihm. Schon lange lebte sie ihr eigenes Leben. Im Arm hielt sie ein Baby, ihr Baby. Ein kleines Mädchen, das auf den Namen Ann-Kathrin getauft werden sollte. Die Kleine wurde etwas unruhig, aber das Qäcken störte Clemens nicht. Er hielt die Augen geschlossen und ließ seine Gedanken machen was sie wollten.
Er öffnete die Augen auch nicht, als ein leises Klappern von Stöckelschuhen zu hören war, näher kam, an ihm vorbei ging und schließlich verstummte. Wieder raschelten Kleider, dann war es für einen Moment völlig ruhig. Nur für einen Moment. Der helle Ton von Messingglöckchen erklang, das plötzliche Geräusch von einer Vielzahl sich erhebenden Menschen und der sanfte Klang einer einsamen Gitarre. Clemens öffnete die Augen und stand ebenfalls auf.
Die Tauffeier begann und Clemens konzentrierte sich auf die Feier. Vor ihm stand jetzt eine sgroße Frau. Die schlanke Figur in eine Art Trenchcoat gehüllt, der nichts gemeinsam hatte mit dem schmuddeligen Kleidungsstück von Inspektor Columbo. Clemens sah dunkle, offensichtlich lockige Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Als die Musik spielte dachte Clemens einen Moment darüber nach. Warum Pferdeschwanz? Warum nicht Esels- oder Zebraschwanz? Er musste lächeln. Diese Frage hatte ihm Nadja gestellt, als sie etwa fünf, sechs Jahre alte gewesen war und schon damals hatte er keine Antwort darauf gefunden.
Während der Taufe, als sie das Wasser traf, fing Ann-Kathrin zu weinen an. Nicht lange und dennoch erinnerte ihn der klagende Ton des Babys daran, als Nadja getauft worden war. Alles wiederholte sich. Na ja, fast alles. Die Taufe war zu Ende. Nadja ging mit einem stolzen Lächeln den Kirchengang entlang. Thomas, ihr Freund trug jetzt die Kleine. Und als der Tross an Clemens vorbei war, schloss er sich ihm an. Draußen schien die Sonne und trotzdem war es herbstlich kühl. Die Menge zerstreute sich auf dem großen Vorplatz. Clemens ging auf seine Tochter zu und nahm sie in den Arm.
Dann machte er Platz für die anderen Gratulanten. Und plötzlich sah er sie wieder. Sie kam die Kirchentreppe herunter. Auch sie lächelte und ging auf Nadja zu. Clemens starrte die Frau an. Es war nicht die elegante Kleidung, nicht die zauberhafte Figur und auch nicht ihr faszinierender Gang, was ihn so fesselte. Es war ihre Hautfarbe. Sie war nicht einfach nur dunkelhäutig. Nein, eher war es die Farbe von hellem Milchkaffee. Milchkaffe mit einem Schuss Sahne. Sie sah einfach umwerfend aus. Ihre Gesichtszüge waren vollständig europäisch. Keine aufgeworfenen Lippen, keine vorstehenden Wangenknochen. Einfach ein wunderschönes Gesicht. Clemens konnte kaum den Blick von ihr wenden.
Die Schönheit lief jetzt auf Nadja zu, umarmte sie und küsste ihr auf die Wangen. Wie alt mochte sie sein? Sicher älter als Nadja. Eher in seinem Alter. Aber wer um Himmels Willen war sie. Er hatte noch nie von ihr gehört, geschweige denn, sie gesehen. Als die Schönheit nun etwas zurück trat und die Menge sich zum Abmarsch sammelte, nahm Clemens Nadja in den Arm und zog sie ein kleines Stück zur Seite. Wer ist das? Sein Kopf wies auf die Frau, die ihn so begeisterte. Das? Das ist Marylin. Ihr Lächeln verstärkte sich Sie ist meine Kollegin. Soll ich dich ihr vorstellen? Nee, lass mal gut sein! Dann eben nicht! Komm. Lass uns fahren. Ann-Kathrin braucht bald was zu trinken und ich möchte das lieber im Lokal machen, als hier!
Nach dem Essen machte Clemens einen Spaziergang. Alleine! Und wieder ließ er seine Gedanken schweifen. Es war nicht leicht gewesen, Nadja alleine zu erziehen. Die Hürden der Pubertät hatte er noch ganz gut gemeistert. Liebevoll hatte er sie aufgeklärt, als sie anfing Fragen zu stellen. Nur bei den Fragen der weiblichen Hygiene hatte er gekniffen und seine Schwester gebeten, das zu übernehmen. Er versuchte auch ein verständnisvoller Vater zu sein, als Nadja anfing Jungs mit nach Hause zu bringen. Irgendwie schaffte er den Spagat zwischen Strenge und Freizügigkeit. Und doch ging ihm ein Stich durchs Herz, als sein kleines Mädchen das erste Mal über Nacht weg blieb. Nicht bei einer Freundin, sondern bei einem Freund. Bilder quälten ihn in dieser Nacht und er fand keinen Schlaf. Als sie am anderen Tag wieder nach Hause kam, war sie schweigsam, aber ihre Augen strahlten. Clemens stellte keine Fragen.
Er setzte sich auf eine Bank und träumte vor sich hin. Darf ich mich zu Ihnen setzten? Es ist sehr schön hier. Clemens öffnete die Augen und schoss im selben Moment hoch. Marylin! Natürlich. Bitte sehr! Um etwas zu sagen,, reichte er ihr die Hand. Clemens Stahl. Ich bin der Vater von Nadja. Ich weiß. Marylin del Monte. Aber bitte sagen sie Mary zu mir. Alle meine Freunde tun das! Aus unerklärlichen Gründen wurde Clemens rot. Aber nur, wenn Sie Clemens zu mir sagen! Gerne Clemens, sagte sie ganz einfach und natürlich. Krampfhaft suchte Clemens ein Thema, um kein Schweigen aufkommen zu lassen.
Sie arbeiten in der gleichen Firma wie Nadja? Mary nickte. Aber in einer anderen Abteilung! Und was machen Sie? Ich bin Tontechniker beim Rundfunk! Aha! Schönes Wetter heute, sagte Clemens um irgendetwas zu sagen. Mary lächelte ihn sanft an und bestätigte das. Und eine schöne Feier! Er kam sich so unsagbar blöde vor. Nadja ist eine tolle Frau. Sie haben das gut hingekriegt mit der Erziehung. War sicher nicht leicht. Es ging so. Aber jetzt ist sie ja schon lange aus dem Haus. Haben sie Kinder? Mary schüttelte den Kopf. Nein. Seine nächste Frage verkniff sich Clemens lieber. Aber Mary beantwortete sie sozusagen ungefragt. Wissen Sie, für ein Kind sollte man den passenden Vater haben. Und haben sie den nicht? Nein. Ich dachte mal, ihn gefunden zu haben, aber er war es dann doch nicht. Sie sind nicht verheiratet? Wieder schüttelte Mary den Kopf. Sie zog den Mantel enger um ihre schmalen Schultern. Es ist frisch geworden. Lassen Sie uns zurück gehen! Sofort stand Clemens auf.