Philipp war am Ende. Total erledigt. So schlimm hatte er es sich dann doch nicht vorgestellt. Die Idee aus einer Feierlaune heraus geboren, hatte auch noch am Tag danach in einem versteckten Teil seines Gehirns herum gegeistert. Warum eigentlich nicht? Zeit hatte er, Lust auch. Also, warum sollte er nicht alleine eine Wanderung auf dem berühmten Westweg machen?
Seine Kumpels, die mit ihm am Tisch gesessen hatten, waren in den Tagen danach nicht mehr so sehr von der Idee begeistert, aber Philipp hielt daran fest. Akribisch bereitete er sich auf seine Wanderung vor. Er begann damit, dass er sich genauestes Kartenmaterial besorgte, und sich seine Tagesabschnitte genau einteilte. Immer und immer wieder überprüfte er alles. Immer und immer wieder recherchierte er im Internet. Langsam bekam er ein Gefühl für die Route. Sein Plan wurde immer genauer. Parallel dazu begann er mit dem Training. Krafttraining im Sportstudio und Ausdauertraining mit dem Fahrrad. Jeden Abend strampelte er mehr als 50 Kilometer herunter und an den Wochenenden unternahm er lange Wanderungen in der näheren Umgebung.
Als er schließlich dann an seinem zweiten Urlaubstag loszog, den schweren Rucksack auf den Schultern, fühlte er sich frei und glücklich. Das Wetter war gut, nicht zu heiß und nicht zu kalt und er war bester Stimmung. Langsam, um seinen Rhythmus zu finden, lief er los. Erst die Straße entlang und schließlich über Wald- und Feldwege in eine Wald. In diesem Wald würde er nun zwei Tage wandern. Mehr oder weniger zumindest, denn hin und wieder, das zeigte ihm seine Karte, musste er auch durch Ortschaften hindurch, oder auch einmal für einige Kilometer an einer Straße entlang. Seine Wanderung hatte begonnen.
Die ersten Tage vergingen ohne nennenswerte Vorkommnisse. Es sei denn man nannte es nennenswert, dass er sein Tagespensum nicht einhalten konnte. Vom ersten Abend an, kam er immer später als geplant zu seinem Etappenziel, meist einer kleinen Pension. So sehr er auch versuchte, seinen Plan einzuhalten, so wenig gelang es ihm.
Auch heute war er, bedingt durch seine bleierne Müdigkeit, viel zu spät aufgebrochen. Der Weg hatte sich als schwierig erwiesen. Inzwischen bereute es Philipp, keine topographische Karte für seine Planung verwendet zu haben. Die steilen Aufstiege, machten ihn vor der Zeit müde. Das Kraft- und Ausdauertraining war zwar notwenig gewesen, erwies sich aber im nachhinein als unzulänglich. Mit schweren Beinen schleppte er sich vorwärts und musst immer öfter Pausen einlegen, um seine schmerzenden Muskeln Ruhe zu gönnen.
Der Tag verging und Philipp kam nur langsam vorwärts. In der Mittagshitze war Philipp versucht, eine längere Rast einzulegen. Er suchte sich ein schattiges Plätzchen und schlief, wider seinen Willen ein. Viel zu spät machte er sich erneut auf den Weg und versuchte den Zeitverlust durch eine höhere Geschwindigkeit zu kompensieren. Allerdings wurde er davon nur noch müder. Der Abstieg vom letzten Hügel fiel im besonders schwer. Vielleicht auch deshalb, weil er wusste, dass er noch mindestens 10 Kilometer vor sich hatte. Mindestens noch zwei Stunden würde er sich weiter schleppen müssen. Seufzend machte er sich auf den Weg. Jeder Schritt schmerzte ihn. Etwas abseits seines Weges, sah er einen Bauernhof. Das ganze Ambiente wirkte so einladend, dass er sich entschloss, die Zufahrt hinauf zu gehen und dort um ein Nachtasyl zu bitten. Notfalls würde er auch im Stall schlafen, wenn man ihn nur ließe.
Der Bauer war ein freundlicher Mann, mittleren Alters. An einen Holzstapel gelehnt, sah er, wie sich Philipp auf seinen Hof schleppte. Er nickte ihm freundlich zu und Philipp artikulierte seine Bitte. Klar können sie über Nacht hier bleiben. Und sie brauchen auch nicht im Stall zu schlafen. Kommen sie rein, meine Frau soll ihnen was zu Essen geben. Erleichtert folgte Philipp seinen unfreiwilligen Gastgeber. Auch die Bäuerin war eine freundliche Frau. Sofort bat sie ihn, sich auf die gemütliche Eckbank der Küche zu setzen. Der Duft von frisch gebackenen Brot, ließ Philipp das Wasser im Mund zusammen laufen. Die Bäuerin gab ihm zwei Scheiben und dazu auf einem Holzteller eine kräftige Scheibe Schinkenspeck. Nur für den ersten Hunger. In einer Stunde gibt es Abendessen. Sie sind herzlich eingeladen. Philipp machte sich über das Vesper her. Er glaubte, schon lange nichts mehr so Feines gegessen zu haben. Im Nu war der Teller leer.
Die Bäuerin brachte ich ihn in einen Seiteflügel des Hauses. So, hier können Sie schlafen und dort ist das Bad. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Und fühlen Sie sich wie zu Hause. Sie sind hier völlig ungestört. Philipp sah sich um. Hier ist alles so neu, so anheimelnd, äußerte er sich anerkennend. Ja, ab Herbst wollen wir Ferien auf dem Bauernhof anbieten. Sie sind sozusagen unser erster Gast. Die Bäuerin lächelte, als sie sich verabschiedete und die Treppe hinunter ging. Philipp öffnete das große Fenster und atmete die milde Luft tief ein. Langsam begann er seinen Rucksack auszupacken. Mit frischer Wäsche versehen, ging er ins Bad, um zu duschen. Der Anblick der großen Badewanne, ließ ihn seinen Entschluss ändern. Philipp ließ sich ein heißes Badewasser einlaufen.
Philipp lag bequem und entspannt in der Badewanne. Das heiße Wasser tat seinen überanspruchten Muskeln gut. Nach und nach merkte er, wie die Schmerzen weniger wurden, wie er wieder lebendiger wurde. Schließlich kletterte er aus der Anne und trocknete sich ab. Seine sonst gewohnte Abendkluft, den bequemen Jogginganzug, hatte er im Rucksack gelassen und zog dafür eine weiße Leinenhose und ein lindgrünes T-Shirt an. Die Füße schob er in bequeme und trotzdem modische, braune Slipper. Das Gefühl von Hunger ließ ihn den Weg zur Küche nehmen. Dort duftete es gut nach frischer Hausmannskost.
Wieder lächelte die Bäuerin ihm zu. Dauert nur noch ein paar Minuten. Vielleicht wollen Sie vorab etwas trinken. Nehmen sie sich aus dem Kühlschrank, was sie wollen. Philipp dankte ihr und nahm eine Flasche Bier aus dem großen Kühlschrank. Er tat vor das Haus, setzte sich auf eine Holzbank und streckte die Beine aus. Einfach herrlich war es hier. Nur wenige Minuten später holte ihn die Bäuerin und wies ihm einen Platz am Tisch zu. Insgesamt war für acht Personen gedeckt. Ein Mann mittleren Alters tat in die Küche. Mahlzeit! Und setzte sich auf einen Stuhl. Kurz danach erschien eine Frau etwa gleichen Alters. Sie nickte grüßend und setzte sich neben den Mann. Die Bäuerin trug Schüsseln und Töpfe auf den Tisch, der Bauer sorgte für Getränke. Beide setzten sich. Philipp wunderte sich über die drei leeren Stühle, sagte aber nichts.
Man löffelte schon die Suppe, als die Tür erneut aufging. Hintereinander marschierten drei junge Frauen in die Küche. Die älteste mochte knapp an die dreißig sein, die jüngste Anfang zwanzig. Nicht nur wegen der fast gleichen Overalls, die sie trugen, musst man sie unbedingt für Schwestern halten. Die gleichen, strohblonden Haare, die gleichen Sommersprossen im Gesicht und die gleichen ganz hellblauen Augen. Meine Töchter! Stellte der Bauer vor.
Anna, Barbara und Carmen. Bei jeder Namensnennung nickte eine de Frauen. Wenig interessiert, hob Philipp den Kopf. Ein Alphabet der Schönheit! Quittierte er höflich die Vorstellung und widmete sich wieder seinem Teller. Das Essen war phantastisch. Nur sehr spärlich beteiligte ich Philipp am allgemeinen Tischgespräch und gab nur Auskunft, wenn er gefragt wurde. Als das Essen zu Ende war, halfen alle den Tisch abzuräumen und Philipp beteiligte sich daran.
Der Bauer entschuldigte sich mit Büroarbeit, die Bäuerin, und die Magd räumten die Küche auf und der Knecht, zog sich seine Filzdeckel auf, um noch zum Stammtisch ins Dorf zu fahren. Die jungen Frauen waren, sich unterhaltend, gemeinsam verschwunden. Philipp setzte sich etwas verloren wieder auf die Holzbank, lehnte den Kopf an die Hauswand und schaute in den langsam dunkler werdenden Himmel. Er fühlte sich satt und sauber. Und erfühlte sich müde. Todmüde sogar. Immer häufiger musste er gähnen, immer schwerer fiel es ihm, die Augen offen zu halten. Die Bäuerin trat zu ihm, sich die Hände an ihrer Schürze abtrocknend. Sie sehen müde aus. Schlafen sie morgen, solange sie wollen. Wir müssen früh raus, aber ich stelle ihnen ein gutes Frühstück auf den Tisch. Und wenn sie wollen, bleiben sie ruhig noch einen Tag und eine Nacht. Schauen sie sich die Umgebung an. Wir sind morgen auf dem Feld. Philipp nahm den letzen Schluck aus seiner Bierflasche. Er wünschte eine gute Nacht, stellte die leere Flasche auf die Anrichte und ging langsam in sein Zimmer.
Das Fenster stand noch offen und er schaute hinaus. Völlig dunkel wäre es hier gewesen, hätte nicht der Vollmond am wolkenlosen Himmel gestanden. Langsam zog er sich aus und warf sich auf das Bett. Die Decke, so leicht sie auch war, verschmähte er. Nur mit seinen Shorts bekleidet lag er auf dem Rücken. Die Augen fielen ihm zu. Jetzt, da er endlich lag und zur Ruhe kam, merkte er erst, wie erledigt, wie müde er war. Langsam verebbten seine Gedanken und Philipp schlief ein. Tiefe Atemzüge gingen durch das Zimmer und zeugten davon, dass Philipp tief und fest schlief. Es war ein traumloser, fast bleierner Schlaf.
Es war ein nur leises, kaum hörbares Geräusch, dass die vollkommene Ruhe störte. Philipp wurde nur halb wach davon. Erst als das Geräusch erneut ertönte, lauschte er ihm mit geschlossenen Augen nach. Nach und nach kamen andere Geräusche. Es klang wie das Knarzen von frischem Holz. Sicher arbeitete das frische Material noch. Philipp machte sich nicht die Mühe die Augen zu öffnen. Die Geräusche wurden weniger und verstarben schließlich. Philipp schlief wieder ein.